Auslaufmodell „Eigenes Auto“?

Mobil und flexibel unterwegs ohne eigenes Auto?
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Ist der private Fahrzeugbesitz bald passé? Schaut man sich in deutschen Großstädten um, so geht der Trend klar zum Konzept “Nutzen statt Besitzen”. Doch wie ist die Situation fernab der Metropolen? Eine Bestandsaufnahme.

Privatautos sind Auslaufmodelle, genauso wie Verbrennungsmotoren. Dieser Ansicht ist Sozialwissenschaftler und Mobilitätsforscher Prof. Dr. Andreas Knie. Der Geschäftsführer des Instituts für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel in Berlin plädiert für den Verzicht auf das Auto als Eigentum, sieht die Zukunft beim Fahrrad, Sharing-Diensten und dem öffentlichen Nahverkehr. In der deutschen Hauptstadt sieht er ideale Voraussetzungen für eine Verkehrswende und die Abkehr von einer Auto-nahen Verkehrspolitik. Das Problem seien gar nicht so sehr die fahrenden, sondern die geparkten Autos. Sie beanspruchen enorm viel Platz, den man zum Beispiel für Radwege benutzen könnte.

Laut Prof. Dr. Knie könnte die Anzahl der Berliner Pkw von 1,2 Millionen auf 300.000 reduziert werden. Neben Mietauto und Carsharing müsste dann allerdings auch der ÖPNV umgestaltet werden. Knies Ansatz: weg vom Auto als Statussymbol, hin zur Gebrauchsware wie Wasser, Strom oder Gas. Dazu brauche es aber nicht nur ein Einlenken der Autoindustrie, sondern auch mutige gesetzliche Regelungen. Wie die, dass ab 2030 keine Verbrenner mehr in der Stadt fahren. Der Mobilitätsforscher ist sich sicher, dass die Mehrheit der Berliner dieser Idee folgen würden.

Carsharing ist nicht nur ein Großstadt-Phänomen

Mittlerweile nutzen mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland Carsharing-Dienste. Laut Bundesverband Carsharing (bcs) wurde die Kurzzeitmiete Anfang 2018 in 677 Städten und Gemeinden angeboten. 2017 waren es noch unter 600. Mobility as a Service beschränkt sich allerdings nicht nur auf Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München. Im bcs-Ranking liegt die Stadt Karlsruhe auf Platz 1. Unter den Top-20 finden sich acht Städte, die sogar weniger als 250.000 Einwohner haben. Überraschend: Orte wie Göttingen und Heidelberg sind im Verhältnis zur Einwohnerzahl besser mit Carsharing-Angeboten versorgt als Berlin. Das liegt unter anderem daran, dass Kommunen wie Bremen oder Freiburg das Konzept Carsharing etwa mit speziellen Stellplätzen aktiv fördern. Auch viele Firmen vor Ort engagieren sich pro Carsharing. Interessant: Je besser das gesamte Mobilitätsangebot, desto höher ist auch die Nachfrage nach Carsharing-Diensten. Multimodalität ist das große Stichwort.

Statstik "Deutschlands Carsharing-Hauptstadt, Quelle: bcs e. V., 2017

Noch ein paar Zahlen des bcs (Stand 01.01.2018): Rechnet man alle Carsharing-Anbieter in Deutschland mit ein, so stehen insgesamt fast 18.000 Fahrzeuge zur Verfügung. Rein theoretisch werden 39,8 Millionen Menschen von einem oder mehreren Carsharing-Diensten erreicht. 14 deutsche Städte bieten Free-Floating-Angebote, bei denen man das Auto nach der Nutzung einfach im Geschäftsgebiet abstellen kann. Stationsbasiertes Carsharing ist dagegen deutlich mehr verbreitet, sogar in kleinen Gemeinden. 335 Orte mit entsprechendem Angebot haben weniger als 200.000 Einwohner. Und: Der Elektro-Anteil in den Carsharing-Flotten ist mit 10 Prozent etwa 100 Mal höher als im gesamten nationalen PKW-Bestand.

Wandel mit positiven Konsequenzen

Die neue, individuelle, auf persönliche Bedürfnisse zugeschnittene Mobilität bringt viele Vorteile mit sich. Durch den vermehrten Einsatz emissionsfreier Fahrzeuge lässt sich die Luftqualität in den Städten deutlich verbessern. Ride-Sharing, autonome Fahrzeuge und intelligente Verkehrssteuerung sorgen für weniger Staus. Weniger Privatwagen, die meist 90 Prozent der Zeit nur herumstehen, benötigen weniger Parkflächen, die anderweitig genutzt werden können. Gleichzeitig spart der Verzicht aufs eigene Auto mitunter massiv Kosten ein. Zwar schlagen auch Alternativen wie Bus, Bahn und Carsharing finanziell zu Buche, aber die Unterschiede können mitunter gravierend sein. Anschaffungskosten, Fixkosten, Betriebskosten, Wertverlust – wer nicht zwingend ein eigenes Fahrzeug benötigt und nur ab und zu fährt, für den lohnt sich der Griff zum Taschenrechner.

Dabei ist natürlich auch das Carsharing nicht frei von Problemen. So ist etwa nicht garantiert, dass auch tatsächlich ein Fahrzeug verfügbar ist, wenn man spontan eins benötigt. Hinzu kommt die uneinheitliche Preisgestaltung der verschiedenen Anbieter. Minutentakt, Stundentakt, Monats-, Wochenend-, Abo- und Spartarife – hier verliert man schon mal den Überblick. Vielleicht sind dies einige Gründe, warum viele (noch) nicht auf das eigene Auto verzichten möchten. Bequemlichkeit spielt sicher auch eine entscheidende Rolle. Beim heutigen Verkehrsaufkommen sieht Mobilitätsforscher Dr. Konrad Götz im Privatauto aber eine unzeitgemäße Vorstellung von Bequemlichkeit. Ständiges Stop & Go sowie lästige Parkplatzsuche lassen den wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt vorzugsweise aufs Rad statt ins Auto steigen.

Es braucht mehr als nur Carsharing

Götz fordert eine kluge Digitalisierung und kompakte Siedlungsstrukturen für kurze Wege, sowie einen Umbau der öffentlichen Verkehrsmittel mit dichterer Taktung, Barrierefreiheit und mehr Bequemlichkeit. Laut Götz könnte man damit mehr und mehr Städter zur Abkehr vom eigenen Auto bewegen. Damit die vielzitierte Verkehrswende auch in ländlichen Gegenden vollzogen werden kann, seien vor allem wieder mehr Arbeitsplätze, Läden, Ärzte und Ämter nötig. Also eine starke Versorgungsinfrastruktur. Ein moderner ÖPNV mit kleinen, autonom fahrenden Bussen bildet das Rückgrat seiner Vision. Das Privatauto spielt zwar weiterhin eine Rolle, aber eben eine untergeordnete.

Update 12.06.2018

Das Thema sorgt weiterhin für Schlagzeilen auf lokalen wie auch überregionalen News-Portalen. Als Nürnberger Unternehmen verfolgen wir natürlich auch die örtliche Berichterstattung und sind dabei auf weitere interessante Artikel gestoßen. So berichtet beispielsweise nordbayern.de, dass sich Carsharing-Angebote auch in Dürer-Stadt immer größerer Beliebtheit erfreuen. Seit Oktober 2016 existieren in Nürnberg acht Mobilitätsstationen mit Carsharing-Fahrzeugen, Leihrädern und ÖPNV-Haltestellen in unmittelbarer Nähe. Vergleicht man dies etwa mit den über 100 Stationen in der Stadt Bremen, so hängt Nürnberg hier noch klar hinterher. Bis zum Herbst 2018 sollen allerdings 20 weitere Stationen hinzukommen. In einer Online-Umfrage konnten Einwohner für fünf dieser 20 neuen Stationen Standortvorschläge einreichen. Das Feedback war zahlreich und kam nicht nur aus der Innenstadt. Auch in den Randgebieten wünschen sich die Menschen Alternativen zum eigenen Auto.

Im benachbarten Fürth gibt es wie in vielen deutschen Städten akuten Parkplatzmangel. Doch statt weiteren Parkgaragen und Stellplätzen für noch mehr Autos sei auch hier laut nordbayern.de ein modernes Mobilitätskonzept gefragt. Dazu zählen bessere Radwege, mehr Leihräder, von der Stadt geförderte Carsharing-Angebote und auch ein attraktiverer ÖPNV. Christine Lippert, Baureferentin der Stadt Fürth, arbeite man gerade an einer Ausweitung der örtlichen Carsharing-Angebote. Auch sie beobachte den Wandel, dass vor allem junge Menschen gern aufs eigene Auto verzichten würden.

 

Quellen:
https://www.emobilserver.de/nachrichten/elektro-fahrzeuge/elektro-autos/970-wie-wird-die-mobilit%C3%A4t-der-zukunft-aussehen.html
https://www.carsharing.de/alles-ueber-carsharing/carsharing-zahlen/carsharing-staedteranking-2017
https://www.der-zukunftsfonds.de/zaster/privates-auto-vs-carsharing-der-preisvergleich-f%C3%BCr-sparf%C3%BCchse
https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2018/06/mobilitaet-berlin-andreas-knie-fahrrad-stadt-der-zukunft.html
http://www.nordbayern.de/region/nuernberg/carsharing-erobert-nurnberg-burger-bestimmen-standorte-1.7676315
http://www.nordbayern.de/region/fuerth/parkplatzmangel-wie-wird-furth-die-autos-los-1.7672807

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