Mobilität und Urbanisierung: Metropolen im Wandel

Berlin City Traffic Verkehrswende
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Blechlawinen, dicke Luft, Parkplatznot – in vielen Metropolen offenbart sich mittlerweile ein ähnlich unschönes Bild. Weitermachen wie bisher ist keine Lösung. Eine umfassende Verkehrswende schon. Berlin hat hierfür jetzt als erste deutsche Stadt die Weichen gestellt. Und es gibt weitere positive Entwicklungen. Nicht nur in Frankreich und den USA, sondern auch in Afrika.

Am 28. Juni 2018 hat das Berliner Abgeordnetenhaus das Mobilitätsgesetz beschlossen. Hierbei handelt es sich um die Grundlage für eine Verkehrswende, bei der die Interessen aller Verkehrsteilnehmer berücksichtigt werden sollen. Also die von Bus-, Bahn- und Autonutzern genauso wie von Radfahrern und Fußgängern. Das Konzept ist bisher einmalig in Deutschland und soll gewährleisten, dass Menschen in Berlin generell besser ans Ziel kommen – und zwar zuverlässig, barrierefrei, umweltverträglich und vor allem sicher. Der Senat möchte langfristig die Zahl von Verkehrstoten auf ein Minimum reduzieren und den motorisierten Verkehr klimaneutral gestalten.

Die Verkehrswende ist keine Zukunftsmusik

Natürlich lässt sich dieses Vorhaben nicht auf einen Schlag realisieren. Deswegen besteht das Berliner Mobilitätsgesetz aus mehreren Bausteinen, die peu à peu umgesetzt werden sollen. Die Verkehrswende kommt in Raten, aber sie kommt! Am Anfang stehen dabei neben allgemeinen Zielen vor allem der Ausbau von ÖPNV und Radverkehr im Fokus. Hierfür wurden mehrere Maßnahmen definiert, wie etwa die Umgestaltung gefährlicher Knotenpunkte im Straßennetz oder auch die Schaffung sicherer Radwege entlang der Hauptverkehrsrouten. Und diese Maßnahmen sind auch bitter nötig: Im Jahr 2016 gab es in deutschen Städten fast 400 tödlich verunglückte und mehr als 81.000 verletzte Radfahrer. Die neue Infrastruktur soll für ein entspannteres Verhältnis zwischen allen Verkehrsteilnehmern sorgen. (Quelle)

Konzeptbild der Initiative radbahn.berlin
Ein Grünstreifen unter der U1-Hochbahn quer durch die Berliner City – so stellt sich die Initiative Radbahn moderne urbane Mobilität vor. Mehr unter www.radbahn.berlin. Bild: paper planes e.V.

Für den Ausbau der Radinfrastruktur wurden bereits 200 Millionen Euro bereitgestellt und 60 neue Stellen in den Verwaltungsbezirken geschaffen. Des Weiteren will man auch mit erweiterten Carsharing-Angeboten sowie der Umstellung von Linienbussen auf Elektromobilität der miesen Luftqualität Herr werden. Berufspendlern, die bislang aufs Automobil angewiesen sind, möchte man durch bessere ÖPNV-Angebote mit mehr Kapazitäten und höherer Taktung den Umstieg auf alternative Verkehrsmittel erleichtern. Wie alle weiteren Kernpunkte des Mobilitätsgesetzes im Einzelnen aussehen, kann hier nachgelesen werden.

Parken im 21. Jahrhundert

Während sich Berlin zunächst primär um den Radverkehr und ÖPNV kümmert, steht in Paris seit Januar 2018 eine effizientere Nutzung der öffentlichen Parkplätze auf der Agenda. Durch Änderungen in der Gesetzgebung liegt die Parkraumüberwachung seit Jahresbeginn nicht mehr bei der Polizei, sondern der Pariser Stadtverwaltung. Die möchte mit einer Reform der Parkraumbewirtschaftung nicht nur die Luftqualität langfristig verbessern, sondern endlich auch für Gerechtigkeit bei den Parkgebühren sorgen. Der Hintergrund: Ein Großteil der Pariser Bevölkerung entrichtet seine Parkgebühren mittels Anwohnerparkausweisen. Besucher dagegen parkten bislang viel zu oft schwarz. Schuld daran waren spärliche Kontrollen und zu niedrige Bußgelder. So sind der Stadt jährliche Einnahmeverluste von über 300 Millionen Euro entstanden.

Neue Tarife und Technologien sollen dem jetzt ein Ende setzen, die Anzahl freier Parkplätze erhöhen und das Verkehrsaufkommen zur Parkplatzsuche verringern. Interessant: Gedruckte Parkscheine, egal ob für Kurzparker oder Anwohner, gibt es in Paris nicht mehr. Das virtuelle Parkticket ist an das Kennzeichen gebunden und wird wahlweise am Automaten oder per Smartphone entrichtet. Zur Kontrolle werden parkende Autos bei der Vorbeifahrt „gescannt“ und mit der Parkscheindatenbank abgeglichen. Nach Angaben der Stadt Paris konnte das Autoverkehrsaufkommen durch die getroffenen Maßnahmen in den ersten vier Monaten des Jahres 2018 zur morgentlichen Rush-Hour um über 8 Prozent, abends immerhin um fast 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesenkt werden. (Quelle)

„Nutzen statt Besitzen“ in New York

Genau wie Berlin und Paris hat auch New York mit einem immer höheren Verkehrsaufkommen zu kämpfen. Obwohl der Big Apple die US-Großstadt mit den wenigsten Privatautos pro Einwohner ist, will Bürgermeister Bill de Blasio seinen Einwohnern nun mit dem Slogan „Mehr Sharing, weniger Autos“ das Carsharing-Konzept näherbringen. Die Stadt New York erteilte unlängst einem Pilotprojekt grünes Licht, im Rahmen dessen 230 bislang öffentliche Parkplätze, 55 Stellplätze der Stadt und 24 Parkplätze vor kommunalen Wohnanlagen exklusiv den Carsharing-Fahrzeugen von Enterprise CarShare und Zipcar zugeteilt wurden. Zwei Jahre soll dieser Testballon andauern.

New York Straßenszene
In New York gibt es jetzt insgesamt ca. 300 für Sharing-Fahrzeuge reservierte Parkplätze. Das soll mehr Menschen dazu bewegen, aufs Privatauto zu verzichten. Foto: Thomas Bönig / Choice

Zieht man neben der ohnehin schon akuten Parkplatznot in der Metropole auch noch in Betracht, dass zwischen Brooklyn und Manhattan bald eine U-Bahn-Linie für Reparaturarbeiten temporär stillgelegt wird und dann weitere 225.000 Menschen täglich auf alternative Verkehrsmittel – auch das Auto – umsteigen müssen, so kann man verstehen, dass diese Aktion der Stadt bei Autobesitzern für wenig Begeisterung sorgt. Immerhin: Die Stadtverwaltung will zusätzliche Transportmöglichkeiten schaffen, um der steigenden Umweltverschmutzung entgegenzuwirken. Das Carsharing soll die Zahl der zusätzlichen Autos auf der Straße eindämmen. Sollte der Test erfolgreich sein, möchte de Blasio das Vorgehen „aggressiv auf die ganze Stadt ausweiten“. Er folgt damit dem Vorbild von San Diego, Dallas und Austin, wo es bereits seit Jahren spezielle Parkplätze für Carsharing-Fahrzeuge gibt. (Quelle)

Per Masterplan zur afrikanischen Smart City

Die vielleicht konkretesten Pläne für eine urbane Umgestaltung hat aber nicht Berlin, Paris oder New York, sondern die ostafrikanische Stadt Kigali vergelegt. Und das schon im Jahr 2013. Gemäß eines ehrgeizigen “Master Plans” möchte die Hauptstadt Ruandas bis zum Jahr 2040 zu einer sogenannten “Smart City” avancieren. Das bedeutet im Einzelnen: weniger private Autos, besserer öffentlicher Nahverkehr, Fahrdienste, Carsharing, unterirdische Busbahnhöfe, ein dichtes Netz an Fahrradwegen, Fußgängerzonen und Naherholungsgebiete. Kigali hat sich einiges vorgenommen, um die Lebensqualität in der Stadt zu steigern, wie das nachfolgende Video verdeutlicht.

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Genau wie in Berlin, Paris und New York sind auch die Straßen in der Innenstadt Kigalis zur Rush Hour regelmäßig verstopft. Zu viele Autos, zu wenig Platz. Ironischerweise spielt aber jetzt ausgerechnet der Autohersteller Volkswagen eine tragende Rolle bei der Umgestaltung der Mobilität in der Millionenstadt. VW hat vor Kurzem in Kigali ein neues Werk eröffnet, in dem die Modelle Polo und Passat vom Band rollen. Die sollen primär für Carsharing und Ride-Hailing eingesetzt werden. Die zugehörige Smartphone-App stammt von einem lokalen Start-up. (Quelle)

Egal ob umfassende Zukunftsvision nach ruandischem Vorbild, Step-by-Step-Lösungen wie das Berliner Mobilitätsgesetz oder punktuelle Maßnahmen wie im Falle von Paris und New York – jeder noch so kleine Schritt hin zu einer Verbesserung von Mobilität und Lebensqualität in Großstädten ist ein guter Schritt. Dennn wie eingangs schon geschreiben: Weitermachen wie bisher ist keine Option.

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