Sündenbock Sharing-Angebote: Beschleunigen sie den Verkehrskollaps?

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Sharing-Angebote wie Carsharing und Ride Sharing sollen dem drohenden Verkehrskollaps in Großstädten entgegenwirken. Zahlreiche Studien belegen bereits die positiven Auswirkungen des Konzepts „Nutzen statt Besitzen“. Eine Exklusivreportage von Das Erste kommt zu einem anderen Ergebnis.

Die TV-Reportage „Mit Vollgas in den Verkehrskollaps“ von DasErste.de sorgt aktuell für Diskussionen. Nicht nur bei Choice, sondern branchenweit, wie zahlreiche Tweets und Kommentare zum Thema nahelegen. Der Beitrag behandelt zunächst die aktuelle Situation im Großraum München. Immer mehr Pendler, immer mehr Autos und ein mangelnder Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, speziell bei den S-Bahn-Linien, sorgen in Kombination für das tägliche Verkehrschaos. So weit, so korrekt. Nachfolgend geht die „Report“-Redaktion des SWR dann auf neue Mobilitätskonzepte, speziell Sharing-Angebote, ein, die den wachsenden Blechlawinen entgegenwirken sollen.

Die sehr kritische Quintessenz: Carsharing würde aktuell nicht dazu beitragen, Autos aus den Städten zu bekommen. Im Gegenteil! Carsharing verleite die Menschen dazu, aus Bequemlichkeit ins Teil-Auto zu steigen, statt in Bus oder Bahn, und würde damit die Verkehrssituation weiter verschärfen. Laut mehrerer für den Beitrag herangezogener, aber namentlich nicht genannter Studien hätten 76 % der befragten Carsharing-Nutzer statt des eigenen Autos den ÖPNV und/oder das Fahrrad genutzt, gäbe es das jeweilige Sharing-Angebot nicht. Schuld seien die Autolobby und Anbieter wie DriveNow (BMW) oder car2go (Daimler), die ihre Fahrzeuge nach wie vor als Objekt der Begierde, ja sogar als „Einstiegsdroge“ anpreisen würden. Erst Sharing, später Privatwagen, so die Vermutung.

Kritisch, aber auch einseitig

In der Reportage kommen Nutzer diverser Car- und Ride-Sharing-Angebote zu Wort. Hierbei fällt auf, dass ausnahmslos alle Befragten die hohe Flexibilität und direkte Verfügbarkeit der Dienstleistungen schätzten. Auch beim Blick über den großen Teich zeichne sich ein ähnliches Bild ab. In San Francisco sorge die steigende Nutzung des omnipräsenten Fahrdienstes Uber dafür, dass die günstigeren Schienenverbindungen vom Flughafen in die Stadt immer leerer und die Straßen nach Downtown zugleich immer voller würden. Der Begriff „Uber-Stau“ sei aktuell in aller Munde. Und so kommt der Zuschauer zu dem Schluss, dass Sharing-Dienste dem ÖPNV nur das Wasser abgraben, aber keinerlei Beitrag zu einer Verkehrswende leisten würden.

Dabei ist das Verkehrsproblem in deutschen und internationalen Metropolen viel zu vielschichtig, als dass man den Schwarzen Peter einfach den privaten Sharing-Anbietern und deren Nutzern zuschieben könnte. Gemäß der Studie Mobilität in Deutschland (MiD), die im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) durchgeführt wird, fahren die Deutschen täglich 80.000 Mal um die Erde. Das sind 3,2 Milliarden Kilometer jeden Tag. Dieser neue Höchststand der Verkehrsnachfrage fußt auf dem Bevölkerungsanstieg und der Zunahme der Beschäftigung.

Studie relativiert die Aussagen

Zitat aus der MiD-Studie: „Das Auto bleibt mit drei Viertel der Personenkilometer das dominierende Verkehrsmittel. Vor allem die ältere Bevölkerung nutzt immer intensiver das Auto. Bei den Jüngeren und in den Städten sind die Vorzeichen umgekehrt. Daher verliert das Auto insgesamt Anteile an die anderen Verkehrsträger. Der größte Gewinner in der Kilometerbilanz ist der öffentliche Verkehr mit Bussen und Bahnen und damit die Umwelt, der Anteil steigt von 15% auf 19%.“

Und weiter: „In den Metropolen hingegen ist ‚mobil sein ohne Auto‘ mehr als ein Schlagwort; weniger als 40% der Wege werden mit dem Auto zurückgelegt, mehr als 20% mit dem öffentlichen Verkehr und das Fahrrad steigert seinen Anteil auf 15%. Hier werden auch neue Mobilitätsformen als Segmente statistisch erkennbar. Rund 14 Prozent aller Haushalte in den Metropolen haben sich für mindestens ein Carsharing-Angebot angemeldet und zeigen so ihre Bereitschaft, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Allerdings ist der absolute Beitrag der Carsharing-Flotte am Verkehr gegenwärtig auch hier noch sehr klein.“

So massiv wie in der SWR-Reportage dargestellt scheint die Konkurrenz für die öffentlichen Verkehrsmittel durch privates Sharing-Angebote also nicht zu sein. Speziell junge Stadtbewohner bevorzugen multi- und intermodale Mobilität; Carsharing ist ein Baustein in diesem Gefüge, aber eben noch ein vergleichsweise kleiner. Auch im Hinblick auf die „Uber-Macht“ in den USA scheint alles nicht so dramatisch, wie im TV-Beitrag dargestellt. Zwar stehen aktuell auch dort Sharing-Dienste in der Kritik, die Straßen weiter zu verstopfen. Die amerikanische Mobilitätsexpertin Sandra Phillips (@SPhillipsLuethi) kann diese Vorwürfe aber weitgehend entkräften. Per Twitter verwies sie unlängst auf einen interessanten Artikel des US-Infoportals Citylab. Demnach betrage der Anteil von geteilter Mobilität in amerikanischen Metropolen – Uber eingeschlossen – lediglich 1,7 Prozent des gesamten Verkehrsaufkommens. Dagegen fielen 86 Prozent auf den automobilen Individualverkehr.

Sharing-Angebote als Booster für den ÖPNV

Sicher kann und muss man neue Angebote immer auch kritisch hinterfragen. Wenn Unternehmen aus Fernost deutsche Städte mit Billig-Leihrädern überschwemmen oder Dienstleister – so wie Uber anno 2014 – unter Missachtung jedweder Gesetze und Regelungen vehement auf den deutschen Markt drängen, verbessert das sicher nicht die Situation um den drohenden Verkehrskollaps. Dennoch können die Erkenntnisse der SWR-Redaktion auch anders ausgelegt werden. Hannes Beyer (@hnnsbyr), Head of Digital Business Models bei Choice, hierzu: „Ich bin davon überzeugt, dass Carsharing eigentlich ein Kundenbindungsprogramm für den öffentlichen Nahverkehr ist. Dass es dabei in Teilen auch zu einer Kannibalisierung kommt, spricht nur dafür, dass Carsharing ein gutes Produkt ist. Der ÖPNV kann nur zusammen mit anderen Bausteinen gegen den eigentlichen Konkurrenten – das Privatauto – bestehen.“

„Meines Erachtens haben die Aktivitäten von car2go und DriveNow der Idee ‚Nutzen statt Besitzen‘ geholfen. Und jedes Auto, in dem mehr als nur ein, zwei Personen sitzen, ist ein gutes. In der Debatte werden die Maßstäbe an neue Mobilität gern so hoch angesetzt, dass man danach beruhigt in sein eigenes Auto steigen kann. In der Selbstgewissheit, dass dieses ja alternativlos ist“, so Beyer weiter.

Stehengeblieben in den Siebzigern

Philipp Renz (@phipsi_tweet) ist Business Development Manager Mobility bei Choice. Auch er sieht in der TV-Reportage zum Verkehrskollaps viele wichtige und richtige Punkte, aber eben auch die Einseitigkeit des Beitrags: „Der ÖPNV muss flexibler und breiter gedacht werden. Mobilität beginnt und endet nicht an Haltestellen. Während die heutige Smartphone-Generation On-Demand-Angebote und größtmögliche Flexibilität verlangt, steckt der ÖPNV gefühlt in den Siebzigern fest und bedient noch immer ein Klientel mit klarer Tagesplanung.“

Unterm Strich zeigt sich, dass die meisten Menschen mit dem ÖV-Angebot unzufrieden sind und es Handlungsbedarf gibt. Und, dass ein Modell noch veralteter ist als der ÖPNV. Nämlich das Privatauto in Großstädten, welches meist 23 Stunden am Tag herumsteht und durchschnittlich nur 1,5 Personen befördert (Quelle). Wenn im Hinblick auf den drohenden Verkehrskollaps ein Modell kritisch hinterfragt werden sollte, dann dieses.

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