Parken in der Großstadt: Der Kampf um den öffentlichen Raum

Parken - alte Parkuhr, Foto von Josh Newton auf Unsplash

Parkplätze in den Großstädten sind ein knappes Gut. Und dieses Gut wird immer knapper. Jetzt fordert ein Berliner Mobilitätsforscher, den Parkraum bewusst weiter zu verknappen und zu verteuern. Grund genug für uns, das Thema Parken in der Großstadt einmal etwas näher zu beleuchten.

Der Berliner Mobilitätsforscher Prof. Dr. Andreas Knie hat eine sehr überzeugte Haltung, wenn es ums Parken von Privatautos in Großstädten geht. In einem Interview mit der Berliner Zeitung hat er kürzlich erläutert, wie er sich eine Parkraumreform vorstellt. Knie verzichtet seit 1992 auf einen eigenen Wagen, nutzt bevorzugt Leihfahrräder, U- und S-Bahnen. Seiner Meinung nach haben wir seit den 20er-Jahren eine Stadtplanung, die das Automobil in den Mittelpunkt stellt. Autofahrer würden seit jeher Privilegien genießen – wie jenes, das eigene Auto fast überall kostenlos abstellen zu können. In Berlin beispielsweise wären nur acht Prozent des Parkraums auch bewirtschaftet, Anwohner würden mit entsprechendem Ausweis (10,20 Euro pro Jahr) ebenfalls quasi kostenlos parken.

Für den Berliner Professor ist dies eine beispiellose Okkupierung von öffentlichem Raum, die zu Lasten derer ohne eigenes Auto gehe. In der Hauptstadt seien dies immerhin knapp die Hälfte aller Haushalte.  Daher lautet Knies Forderung: „Parkraum in der Innenstadt muss flächendeckend verknappt und verteuert werden. […] Eine Faustformel wäre: Anwohner innerhalb des S-Bahn-Rings zahlen als Dauerparker zehn Euro pro Tag. Das ist ein Preis, der in der Schweiz auch so diskutiert wird. Für Kurzparker sollte die Gebühr pro Stunde mindestens fünf Euro betragen. Aus Parkplätzen müssen Radfahrstreifen und Stellflächen für Carsharing-Autos werden.“ Dass dies eine große Herausforderung für Politik und Verwaltung darstellt, ist dem Mobilitätsforscher bewusst. Seiner Meinung nach würden wir damit aber alle mehr Raum und Beweglichkeit gewinnen.

Geteilte Autos, besserer ÖPNV

Knie verteufelt dabei nicht das Auto an sich. In seiner Vorstellung einer Smart City wird dieses allerdings gemeinschaftlich genutzt. Car- und Ridesharing lautet die Devise. Darüber hinaus fordert er eine bessere Auslastung des Schienenverkehrs mit höherer Taktung, um die Zahl der täglich in die Stadt einfahrenden Pendlerautos zu reduzieren. Dass sich Bürger über die vielen Mieträder in der Stadt aufregen, hält Knie für eine „dumme Diskussion“, schließlich stünden daneben endlose Schlangen von Autos, über die sich niemand echauffiere. Allerdings malt der Sozialwissenschaftler nicht nur schwarz: „Ich finde, dass eine Menge passiert ist! Das Bewusstsein hat sich geändert. […] Heute ist die Welt voller Verkehrswende-Debatten, selbst in New York. Wir brauchen in Berlin mehr Mut.

Prof. Dr. Andreas Knie
“Privatautos raus aus der Großstadt” fordert Mobilitätsforscher Andreas Knie. Foto: © WZB gGmbH

Apropos Berlin. Wenn es ums Parken in der deutschen Hauptstadt geht, sorgt der Automobilhersteller Volkswagen gerade für Schlagzeilen. Die Wolfsburger hängen beim neuen WLPT-Abgastest massiv hinterher, sodass sie Flächen am Pannenflughafen BER anmieten mussten, um dort Tausende Fahrzeuge mit fehlender Zulassung zwischenzulagern. Der Hintergrund: WLTP (World Harmonized Light Vehicle Test Procedure), das international einheitliche Test-Verfahren, gilt ab dem 01. September 2018 EU-weit für Neuzulassungen von PKW und leichten Nutzfahrzeugen. Es soll dafür sorgen, dass Herstellerangaben zu CO2-Ausstoß und Kraftstoffverbrauch realistischer werden. Autos, die den neuen Standard nicht erfüllen, dürfen demnach nicht in den Verkauf. Die WirtschaftsWoche spricht in einem Artikel von 200.000 bis 250.000 VW-Fahrzeugen, die durch die WLTP-Umstellung verzögert ausgeliefert werden. Allerdings steht nur ein Teil dieser Autos auf dem BER. Insgesamt habe VW rund 8.000 Stellplätze auf Freiflächen und in Parkhäusern angemietet.

Verschärfte Parkregeln für Leihräder

Bleiben wir in Berlin. Wie weiter oben im Artikel bereits angerissen, gibt es in der Hauptstadt aktuell eine Diskussion darüber, dass zu viele Leihfahrräder auf Gehwegen und öffentlichen Plätzen herumstünden. Ob diese Diskussion berechtigt ist, darf in Anbetracht von nur ca. 16.000 Mieträdern im Vergleich zu 1,2 Millionen Pkw in der Stadt durchaus bezweifelt werden. Dennoch reagiert der größte Anbieter Call a Bike (Deutsche Bahn), der in Berlin rund 3.500 Lidl-Bikes betreibt, und ändert zum 01. September 2018 die Nutzungsbedingungen.

Um eine Überlastung des Stadtraums durch die Mieträder zu verhindern, hat Call a  Bike die Liste der verbotenen Abstellorte von 17 auf knapp 40 genau beschriebene Bereiche erweitert. Heute schon sind unter anderem Grünflächen, Ampeln und Feuerwehr-Anfahrtszonen tabu. Ab September kommen dann noch Bushaltestellen, Denkmäler, Eingänge von U- und S-Bahnstationen, Rollstuhlwege, Blindenleitsysteme und viele weitere Orte dazu. Wer sich nicht dran hält, muss mit einem Serviceentgelt von bis zu 50 Euro rechnen. (Quelle).

Angebot und Nachfrage regeln den Preis

Springen wir für eine weitere Parkplatz-Geschichte kurz über den großen Teich nach San Francisco. In der viertgrößten Stadt Kaliforniens gibt es etwa 28.000 kostenpflichtige Parkplätze, deren Preise nicht einheitlich sind, sondern sich je nach Standort, Tageszeit und Wochentag dynamisch angepassen. Sprich: Wer zur Hauptgeschäftszeit mitten in der Innenstadt parken will, zahlt deutlich mehr als jemand, der sein Auto am Sonntagvormittag weiter außerhalb abstellt.

Parken in San Francisco
In San Francisco werden die Preise für das Parken dynamisch angepasst. Foto: © Brett Sayles, Pexels

Laut Stadtverwaltung diene die Maßnahme nicht dazu, mehr Gebühren einzustreichen. Im Gegenteil: Vielerorts in der Stadt ist das Parken durchschnittlich sogar ein paar Prozent günstiger geworden. Außerdem erfolgt die Preisanpassung immer nur graduell in 25-Cent-Schritten. Dennoch scheint sich durch dieses System die Parkplatzauslastung regulieren und zusätzliches Verkehrsaufkommen aufgrund endloser Parkplatzsuche reduzieren zu lassen. (Quelle) Übrigens: In einem früheren Beitrag haben wir bereits darüber berichtet, wie die Stadt Paris ihre Parkraumüberwachung grundlegend modernisiert hat.

Parken mit dem Carsharing-Auto

Zurück nach Deutschland. Am 01. September 2017 trat hierzulande das Carsharing-Gesetz in Kraft. Länder und Kommunen können seitdem einfacher Parkflächen für Carsharing-Fahrzeuge ausweisen und von Parkgebühren befreien. Natürlich belastet dies den begrenzten Parkraum mitunter zusätzlich, weil speziell das Free-Floating-Carsharing von einer hohen Fahrzeugdichte lebt, die in der Nähe des Kunden verfügbar – also geparkt – sein müssen. Dennoch sind die Auswirkungen dieses Gesetzes positiv, wie Studien belegen. Ein Carsharing-Fahrzeug kann mindestens drei private Pkw ersetzen. Um überhaupt nicht erst einen Parkplatz suchen zu müssen, hat der Carsharing-Anbieter DriveNow (BMW) bereits Ende 2016 die neue „Handshake“-Funktion eingeführt. Damit lässt sich das Auto am Ende der Nutzungszeit im „fliegenden Wechsel“ direkt an den nächsten Fahrer übergeben.

Im Gegensatz zum Free-Floating-Modell beansprucht das stationsbasierte Carsharing deutlich weniger öffentlichen Parkraum, da die Fahrzeuge hier stets an festen Orten entgegengenommen und auch wieder abgestellt werden. Jüngstes Beispiel für dieses Modell ist das Angebot Mazda Carsharing, eine Kooperation zwischen dem Fahrzeughersteller, DB Connect (Flinkster), der Choice GmbH und Lidl. Die Mazda Carsharing Fahrzeuge sind dank dieser Vernetzung unter anderem auch direkt vor teilnehmenden Lidl-Filialen zu finden. Die Supermarktkette reserviert Kundenparkplätze exklusiv für die Mazda Fahrzeuge, öffentlicher Parkraum wird hierdurch also nicht beansprucht. Der Mobilitätsdienstleister Choice stellt die neue Mazda Carsharing App (für iOS und Android) zur Verfügung und steuert die Fahrzeuge in das Flinkster-Netzwerk ein. Somit sind die anfangs 850 Fahrzeuge des japanischen Herstellers auch für Flinkster-Kunden buchbar.

Rückeroberung des öffentlichen Raums

Abschließend noch ein Kalenderhinweis: Am 21. September 2018 ist wieder „PARK(ing) Day“. Hierbei handelt es sich um einen internationalen, seit 2005 jährlichen Aktionstag, der am dritten Freitag des Septembers stattfindet. Als Maßnahme zur „Re-Urbanisierung von Innenstädten“ (Wikipedia) werden im Rahmen des Parking Day Parkplätze im öffentlichen Straßenraum temporär für eine andere Nutzung umgestaltet – etwa für Grünpflanzen, gastronomische Angebote, einfache Sitzflächen oder zur Abstellung von Fahrrädern. Diese Aktionen zeigen gut, wie viel von unserem ohnehin begrenzten Platz wir für Fahrzeuge verschwenden, die durchschnittlich 23 Stunden am Tag herumstehen. Eingangs erwähnte Forderung von Prof. Dr. Knie von weniger Fahrzeugen für mehr Beweglichkeit in den Städten erscheint am Parking Day gleich noch plausibler.

Aktion zum Parking Day 2016
Eine Aktion des VCD Verkehrsclub Deutschland e.V. zum PARK(ing) Day 2016. Foto: © VCD Nürnberg
  • Maria B.
    17. August 2018 - 11:58

    Vielen Dank für den spannenden Artikel!

    Dass Autos stinken und in den Städten im Stau stehen, das liegt auf der Hand und schafft vielleicht sogar Konsens. Dass das Parken aber noch mehr ein Privileg ist, das die öffentliche Hand einzelnen Privatpersonen übergibt, wurde hier noch einmal schön herausgestellt.

    Am Ende ist es nicht zuletzt wieder einmal ein Verteilungsproblem. Wer die fetteste Karre hat, bekommt auch den meisten Platz in den Städten. Das sieht man jetzt schon schön in alten, engen Parkhäusern, wie die großen SUV, dann auch noch schlecht geparkt, ganz selbstverständlich 1,5 bis 2 Parkplätze besetzen und damit den Kampf um Parkraum noch einmal befeuern.

    Vielen Dank für die spannende Artikelserie!

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  • Toni Opl
    23. August 2018 - 11:25

    Vielen Dank Ihnen für den lieben Kommentar! Dem haben wir nichts hinzuzufügen. 🙂

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