Carsharing: Segen oder Fluch für die Städte?

Carsharing - Segen oder Fluch für die Städte

„Carsharing ist nicht gut für die Umwelt“ titelten Anfang September reihenweise deutsche Zeitungen und Onlineportale. Grundlage für die generalisierende Aussage ist eine neue Studie, in der das gewerbliche Autoteilen nicht gut wegkommt. Doch Carsharing ist nicht gleich Carsharing!

Bereits Ende Juli hatten Sharing-Angebote in Deutschland mit schlechter Presse zu kämpfen. In einer Reportage von DasErste.de hieß es, Carsharing würde Verkehr und Umwelt nicht entlasten, sondern die Menschen verstärkt ins Auto locken und den ÖPNV kannibalisieren. Dass der TV-Bericht die Situation sehr einseitig beleuchtete, darauf sind wir in diesem Beitrag ausführlich eingegangen. Jetzt kommt auch eine gemeinsame Untersuchung des Öko-Instituts in Freiburg und des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt zu dem Ergebnis, dass Carsharing mehr Autos in die Städte treibt, als deren Anzahl zu verringern. Dass auch diese Studie sehr einseitig ausgelegt ist, liest man aus den reißerischen Schlagzeilen zunächst nicht heraus.

Nur wer sich tiefer in die Artikel einarbeitet, stellt fest, dass hier nur ein einziger Carsharing-Dienst unter die Lupe genommen wurde. Vier Jahre lang hat man in den Städten Frankfurt, Köln und Stuttgart die Auswirkungen des stationsunabhängigen Autoteilens am Beispiel des Marktführers Car2go untersucht. Traurige Bilanz: Daimlers Angebot sorgt nicht für eine Reduktion der CO2-Emissionen. Im Gegenteil. Es gibt mehr Car2go-Fahrzeuge als abgeschaffte Privatautos auf den Straßen, zudem konnte in einigen Regionen sogar ein deutlicher Anstieg von Pkw-Neuanschaffungen verzeichnet werden. Immerhin: Den Öffentlichen wie Bus und Bahn scheint Car2go das Wasser nicht spürbar abzugraben. (Quelle)

Free-Floating vs. stationsbasiert

Beim Free-Floating-Modell à la Car2go können die Fahrzeuge überall im Operationsgebiet des Anbieters übernommen und auf einem beliebigen freien Parkplatz wieder abgestellt werden. Das stationsbasierte Carsharing ähnelt hingegen der klassischen Autovermietung. Das heißt, Fahrzeuge können nur an bestimmten Standorten abgeholt und müssen dort auch wieder zurückgegeben werden. Studien, die sich mit diesem Modell auseinandersetzen, kommen zu ganz anderen, deutlich positiveren Ergebnissen bezüglich der Auswirkungen auf Verkehr und Umwelt. Eine dieser Untersuchungen stammt vom Berliner Institut team red, das im Sommer 2017 die Nutzerinnen und Nutzer der Carsharing-Anbieter cambio, Flinkster und Move About in Bremen zu ihrem Verkehrsverhalten befragt hat. (Download)

In Bremen kurven dank eines dichten Carsharing-Stationsnetzes rund 5.000 Privatautos weniger durch die Straßen. Foto: © team red

Wie der Bremer Senator für Umwelt, Bau und Verkehr im Mai 2018 verkündet hat, konnte Carsharing den Straßenraum der Hansestadt um etwa 5.000 Pkw entlasten. „Die Förderung des Carsharing ist ein Beitrag zur effizienten Stadt“, so Verkehrssenator Joachim Lohse. Man muss dabei festhalten: die Bremer Ergebnisse stechen heraus. Pro eingesetztem Sharing-Fahrzeug wurden hier bis zu 16 Privatautos entweder abgeschafft oder nicht angeschafft. Im Vergleich dazu sind die Ergebnisse aus München weniger spektakulär, so Untersuchungsleiter Hannes Schreier von team red. Das dichte Stationsnetz in Bremen mit insgesamt 102 Standorten ist einer der Erfolgsfaktoren, wie die Befragung ergeben hat. Weitere Erkenntnisse aus der Studie: Carsharer nutzen verstärkt Bus und Bahn, gehen häufiger zu Fuß oder fahren Rad. Und: Carsharer stärken den lokalen Einzelhandel im eigenen Stadtteil. Sie fahren seltener zu den großen Einkaufszentren als Besitzer von Privatautos. (Quelle)

Klare Erleichterung durch Carsharing

Für Willi Loose, Geschäftsführer des Bundesverbandes CarSharing (bcs), hat das Bremer Angebot Modellcharakter, an dem sich vergleichbare Städte orientieren können. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist für 92 Prozent der befragten Nutzer der Wegfall von lästiger Fahrzeugpflege und Wartung. Neben dem zeitlichen Aufwand bewerten 85 Prozent der Nutzer auch die entfallenden Kosten für Werkstatt, Kfz-Steuer und Versicherung als Vorteil. Außerdem fühlen sich 60 Prozent der Carsharer freier in ihrer Wahl des genutzten Verkehrsmittels. Abschließend geben die Gutachter von team red Empfehlungen, wie sich weitere Nutzergruppen für Carsharing erschließen lassen. Ein Punkt ist hierbei die Integration neuer Stationen in Neubauvorhaben und in Kooperation mit dem Einzelhandel, so wie es beispielsweise das stationsbasierte Mazda Carsharing mit den Standortpartnern Lidl und i Live umgesetzt hat. Hierbei möchte man nicht nur in den Metropolen auftreten, sondern Carsharing in die Fläche Deutschlands bringen.

Mazda Carsharing
Das stationsbasierte Mazda Carsharing ist auch an ausgewählten Lidl-Filialen und Micro-Appartment-Wohnanlagen von i Live verfügbar. Foto: © Choice GmbH

Doch noch einmal zurück zum Angebot von Car2go. Dass auch Free-Floating-Carsharing die Städte entlasten kann, zeigt eine aktuelle Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Anders als in Frankfurt, Köln und Stuttgart scheint Daimlers Angebot in Berlin positive Auswirkungen auf Verkehr und Umwelt zu haben. Im Rahmen der Untersuchung gaben drei Viertel von den rund 223.000 befragten Car2go-Kunden an, dank der Kombination von Sharing-Dienst und einem gut ausgebauten ÖPNV ihr Privatauto abgeschafft zu haben. Unterm Strich waren dies über 4.600 vor allem kleinere und ältere Pkw und damit etwa 4 Fahrzeuge pro eingesetztem Car2go-Auto. Hinzu kommen laut der Analyse fast 12.000 Pkw, die aufgrund des vorhandenen Carsharing-Angebots gar nicht erst angeschafft wurden. Somit liegt die Verkehrsentlastung wie in Bremen bei etwa 16 „eingesparten“ Privatautos pro vorhandenem Car2go-Auto.

Deutlich weniger gefahrene Kilometer

Sicher steigt der ein oder andere Carsharing-Kunde aufgrund von Bequemlichkeit lieber ins Teilauto als in den Bus. Das lässt sich natürlich weder leugnen noch verhindern. Aber dieser „Substitutionseffekt“ fällt kaum ins Gewicht, wenn man die deutlich geringere jährliche Laufleistung von Carsharing-Nutzern in die Waagschale wirft. Legen Privat-Pkw in Berlin durchschnittlich rund 13.700 Kilometer pro Jahr zurück, so sind es bei Sharing-Fahrzeugen nur noch etwa 400 Kilometer per anno. Jährlich würden dadurch etwa 18.000 Tonnen CO2 eingespart. (Quelle)

Carsharing-Dienst car2go in Berlin
Viele Berliner verzichten mittlerweile aufs Privatauto und setzen auf Sharing-Anbieter wie car2go. Foto: © car2go Deutschland GmbH

Die unterschiedlichen Untersuchungsergebnisse zeigen, dass offensichtlich nicht jedes Carsharing-Modell zu jeder Stadt passt. Es muss also diskutiert werden, welche Variante die urbane Mobilität vor Ort positiv beeinflussen kann. Außerdem zeigt sich: Das Autoteilen nach dem Prinzip “nutzen statt besitzen” wirkt vor allem dort verkehrs- und umweltentlastend, wo es wie in Berlin ein solides öffentliches Nahverkehrssystem gibt. Carsharing ist somit ein wichtiger Teil der Lösung der Verkehrsprobleme in den großen Städten. Und damit durchaus gut für die Umwelt.

Weitere Infos: Wer sich noch tiefer in der Materie einlesen möchte, findet auf der Homepage des Bundesverband CarSharing e.V. viele hilfreiche Informationen – wie beispielsweise die umfangreiche bcs-Studie 2016, die ebenfalls belegt, dass Carsharing die Städte entlastet.

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