ÖPNV für lau: Gratis-Nahverkehr gegen die Autoflut

Titelbild zum Beitrag ÖPNV für lau. Zwei Fahrgäste geben sich im Bus ein High-Five.
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Viele Städte haben mit einem massiven Anstieg des motorisierten Individualverkehrs zu kämpfen. Wie bringt man Menschen dazu, aufs Auto zu verzichten und vermehrt den ÖPNV zu nutzen? Dies ist eine der zentralen Fragen zum Thema Verkehrswende. Es scheint, als würden Argumente allein nur wenige aus ihrer Komfortzone herausholen. Vielerorts versucht man es daher über den Preis. Aber mindert vergünstigter oder kostenloser Nahverkehr wirklich die Blechlawinen?

„Zu voll, zu spät, zu teuer“ hört man überzeugte Autofahrer immer gegen Bus, Bahn und Co. wettern. Sicher, es gibt viele Szenarien, in denen der eigene Pkw unabdingbar ist. Etwa, weil das öffentliche Nahverkehrsangebot dermaßen löchrig ist, dass einem keine Wahl bleibt, als sich selbst hinters Steuer zu klemmen. Dort, wo ein entsprechend gutes ÖPNV-Angebot zumindest im Ansatz vorhanden ist, fehlt aber oft der Anreiz zum Umstieg. Dieser soll nun in vielen Städten auf finanzieller Ebene geschaffen werden. Vom 365-Euro-Ticket bis zum Gratisangebot gibt es verschiedene modellhafte Projekte, um das Verkehrsaufkommen in verstopften Großstädten einzudämmen. Weniger Staus, bessere Luft – das ist das Ziel.

Vorreiter Estland

Schauen wir uns zunächst diverse Verkehrsprojekte aus dem europäischen Umland an. Bereits seit 2013 können gemeldete Einwohner der estnischen Hauptstadt Tallinn den ÖPNV dort kostenlos nutzen. Das Angebot wurde damals aber weniger der Umwelt zuliebe, sondern aus sozialen Gründen umgestellt. Die Menschen konnten sich die Tickets in Zeiten der Finanzkrise einfach nicht mehr leisten. Augenscheinlich funktioniert das Modell auch heute noch. Busse und Trams sind nicht überfüllt und die Kosten bislang nicht explodiert. Die Fahrgastzahlen stiegen nach der Reform lediglich um etwa 14 Prozent. Über Steuereinnahmen holt die Stadt die Mehrkosten wieder rein.

Allerdings: Der Nahverkehr wurde vorher schon zu 70 Prozent öffentlich subventioniert. Außerdem konnten Rentner, Schüler und Studenten bereits sehr günstig oder kostenlos fahren. Ein Verkehrswissenschaftler der TU Delft in den Niederlanden hat das Modell untersucht. Sein Fazit: Gesellschaftlich sei es ein Erfolg, Verkehrsaufkommen und Autoabgase konnte es aber nicht merklich reduzieren. (Quelle)

Mittlerweile ist Estland trotzdem noch einen ganzen Schritt weiter: Seit Juli 2018 ist in dem Land der gesamte überregionale Busverkehr der staatlichen Verkehrsträger kostenlos. Nicht nur für Landsleute, sondern auch für Touristen. (Quelle)

Luxemburg zieht nach

Erst kürzlich hat der luxemburgische Minister für Mobilität und öffentliche Arbeiten bekannt gegeben, dass ab dem 01. März 2020 der gesamte (!) ÖPNV im Großherzogtum kostenlos sein wird. Dies sei das „Sahnehäubchen“ einer umfassenden Verkehrsstrategie zur Entlastung der Straßen des Landes. Damit wäre Luxemburg tatsächlich das erste Land der Welt mit komplett kostenfreien Nahverkehrsmitteln. Aktuell werden bereits Kinder und junge Erwachsene unter 20 Jahren unentgeltlich befördert. (Quelle)

Foto eines Straßenzuges in Luxemburg mit Fahrrädern und einem Bus des ÖPNV im Fordergrund
Bisher einmalig: Luxemburg ist das erste Land der Welt, das seinen ÖPNV kostenlos anbieten wird – und zwar für alle Fahrgäste und an jedem Tag der Woche.  Foto: © Ville de Luxembourg

Analog zu Tallinn sprächen in Luxemburg neben ökologischen Gründen auch soziale Argumente für den Gratis-ÖPNV. Die Straßen des Kleinstaates haben täglich mit 200.000 Pendlern aus den umliegenden Ländern zu kämpfen. Luxemburg City zählt mit 110.000 Einwohnern und 400.000 täglichen Pendlern aus dem Aus- und Umland zu den Städten mit dem größten Verkehrsaufkommen weltweit. Ob sich die Anzahl der Autos wirklich reduziert oder die Maßnahme wie in Estland nur marginale positive Effekte auf Verkehr und Umwelt hat, wird sich im nächsten Jahr zeigen. Die Kostenfrage dürfte für das Land keine sein, denn auch hier werden bereits jetzt rund 90 Prozent der Kosten für Bahn, Bus und Tram vom Staat getragen. (Quelle)

Gratis-ÖPNV nicht überall ein Erfolg

Neben landesweiten Verkehrsprojekten wie in Estland und Luxemburg gibt es in Europa noch zahlreiche kleinere, meist auf einzelne Städte und Gemeinden begrenzte Aktionen. In Polen beispielsweise ist zur Reduzierung von Smog in mehreren Kleinstädten, an besonders schlimmen Tagen sogar in Warschau oder Krakau, der ÖPNV für die Einwohner kostenlos. Neben einer ganzen Reihe von französischen Kommunen und Gemeinden mit kostenlosem Nahverkehr hat die im Norden des Landes gelegene Stadt Compiègne den vielleicht ältesten Gratis-ÖPNV. Schon seit 1975 brauchen die Einwohner dort keine Fahrkarte für den Bus mehr. In Dänemark finden sich unter anderem auf mehreren kleinen Inseln kostenfreie Buslinien.

Im spanischen Torrevieja können die Stadtbusse für eine Jahresgebühr von nur acht Euro genutzt werden. Das System scheint aber aus finanziellen und rechtlichen Gründen vor dem Aus zu stehen. In der belgischen Stadt Hasselt gab es die unentgeltliche Busbenutzung bis 2013. Hier musste die Stadtverwaltung aufgrund der hohen finanziellen Mehrbelastung die Notbremse ziehen. Sehr zum Unmut von Umweltschützern und lokalen Händlern, die dem System positive Auswirkungen auf Verkehr und Lebensqualität in der Stadt attestierten. Auch in England gab es mehrere Feldversuche mit kostenlosem Bustransport, die aber – mit einigen Ausnahmen wie in der Stadt Manchester – aufgrund der hohen Kosten wieder abgebrochen wurden. (Quelle)

1 Euro pro Tag

Nicht gratis, aber vergleichsweise günstig, ist der ÖPNV in Wien. Bereits im Jahr 2012 hat die Verwaltung der österreichischen Hauptstadt auf die sogenannte 365-Euro-Karte umgestellt. Man zahlt also umgerechnet nur einen Euro pro Tag. Vorausgesetzt, das Ticket wird auf einmal bezahlt. Dementsprechend hoch ist der Anteil der öffentlichen Verkehrsmittel am Modal Split. Anfang 2018 lag der Anteil von Pkw am gesamten Verkehr nur noch bei 28 Prozent. Seit vielen Jahren versucht die Wiener Verkehrspolitik, das Auto aus der Stadt zu bekommen und vor allem den Radverkehr zu stärken. Der günstige Nahverkehr ist eine von mehreren Maßnahmen. Und die kostet Geld. Im Jahr 2017 etwa belief sich der Betriebskostenzuschuss für die Öffentlichen auf 331 Millionen Euro. (Quelle)

Straßenzug der Stadt Wien mit einer Tram im Vordergrund
Wiener Erfolgsgeschichte: Dank des 2012 eingeführten 365-Euro-Tickets wird in Österreichs Hauptstadt ein Großteil der Wege mittels ÖPNV zurückgelegt. Foto: © Wiener Linien

Dennoch gibt es auch in Deutschland immer mehr Städte, die mit dem Wiener Modell liebäugeln. 2017 versprach Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Wahlkampf die Einführung des 365-Euro-Ticket für mehrere bayerische Städte bis zum Jahr 2030 – darunter München, Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Ingolstadt und Würzburg. „Natürlich brauchen wir dann auch mehr Fahrzeuge und mehr Kapazitäten. Das wird einen schrittweisen Ausbau erfordern und rund zehn Jahre dauern, bis alles umgestellt ist“, begründete Söder seinen Zeitplan. (Quelle)

Absurd: Wegen Söders Plänen drohte eine für 2019 angepeilte umfassende Reform der Münchner ÖPNV-Tarife (MVV) zu kippen. Der Grund: Zwei neue Preissysteme innerhalb weniger Jahre seien für die Fahrgäste nicht zumutbar. Zum Glück sind die überwiegend günstigeren Gebührensätze aber mittlerweile beschlossen und treten ab dem 15. Dezember in Kraft. (Quelle)

Konkrete Pläne

Nachdem nun aber im Koalitionsvertrag weder die von Söder genannte Deadline 2030 noch die Angabe zu finden sind, für wen genau das 365-Euro-Ticket gelten soll, konkretisierte Verkehrsminister Hans Reichart (CSU) unlängst die Pläne: Schon 2020 soll das Projekt umgesetzt werden, unter anderem in Augsburg. Allerdings zunächst nur für Schüler und Studenten. Gesetzentwurf? Haushaltsverhandlungen? Rechtliche Rahmenbedingungen? All das steht noch aus. Ein überaus sportliches Ziel also. (Quelle)

Bleiben wir noch kurz in Bayern: “Wir brauchen einen attraktiven Nahverkehr in Nürnberg und der Region, um damit insbesondere den Pendlern ein gutes Angebot für den Umstieg zu machen. Das 365-Euro-Ticket bietet dafür eine unglaubliche Chance, von der die ganze Region profitieren kann”, sagt Andreas Krieglstein, verkehrspolitische Sprecher und stellvertretende Fraktionsvorsitzender der Nürnberger CSU. Es scheint so, als ob sich neben den Grünen, den Linken und den Sozialdemokraten jetzt auch die Christsozialen ein 365-Euro-Ticket für die Frankenmetropole wünschen. Hier geht es aber bisher nur um einen Antrag an den Stadtrat und noch nicht um festgezurrte Maßnahmen. (Quelle)

Nicht zu Ende gedacht

Außerhalb Bayerns gehört Bonn zu den Städten, in denen das 365-Euro-Ticket bereits erhältlich ist. Das Bonner Klimaticket ist ein Teil des vom Bund mit knapp 38 Millionen Euro geförderten Modellversuchs „Lead City“, an dem außerdem noch Essen, Herrenberg, Mannheim und Reutlingen teilnehmen. Seit dem 01. Januar 2019 ist für Neukunden der Stadtwerke Bus und Bahn (SWB) das vergünstigte Jahresticket erhältlich. Zunächst die positiven Aspekte: Das Angebot kostet gerade mal ein Drittel des regulären Preises, den Bestandskunden zahlen, es gibt eine monatliche Zahlweise und gültig ist das Ticket im gesamten Stadtgebiet. (Quelle)

Jetzt zu den Schattenseiten: Das vom Bund zur Verfügung gestellte Budget reicht nur für 17.000 dieser Klimatickets. Bestandskunden können nicht auf den günstigeren Tarif wechseln. Dafür hagelte es Kritik nicht nur seitens der Einwohner, sondern auch aus der Politik. Des Weiteren ist der Spezialtarif nicht mit den verschiedenen regionalen Anschlusstickets kombinierbar. Das heißt: Die vielen Ein- und Auspendler können das Angebot gar nicht nutzen, da es an der Stadtgrenze endet. Hinzu kommt, dass die Förderung nach einem Jahr endet und hierfür kaum jemand das Privatauto weggeben dürfte. (Quelle)

Foto einer Bonner Tram-Station mit einem jungen Mann, der am Bahnsteig sitzt und raucht.
Nur Schall und Rauch? Das in Stückzahl, Gültigkeit und Laufzeit begrenzte Bonner Klimaticket scheint gerade für die vielen Pendler keine Alternative zu sein. Foto: Mika Baumeister/Unsplash

So wird es in Bonn unterm Strich schwer bis unmöglich, Autofahrer zum Umstieg auf Bus, Bahn und Tram zu bewegen und die Anzahl der Pkw zu reduzieren. Auch in den anderen genannten Städten muss sich erst noch zeigen, ob die Maßnahmen langfristig Früchte tragen. Wichtig für den ÖPNV ist aber vermutlich eine Kombination aus fairen, übersichtlichen Tarifmodellen, hoher Taktung der Linien und möglichst lückenloser Infrastruktur. Und dort, wo die Anbindung noch fehlt, helfen vielleicht futuristische Verkehrsprojekte, die wir in diesem Artikel beleuchtet haben.

Titelfoto: © rawpixel/Unsplash

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