PLEVs: Per E-Tretroller auf der ersten und letzten Meile

Titelbild für den Artikel über PLEVs, Junge in einer Seitengasse auf einem E-Tretroller von Lime
Beitrag teilen

Nach langem Hin und Her rückt die Zulassung von Elektrokleinstfahrzeugen in greifbare Nähe. Im folgenden Beitrag fassen wir die aktuelle Entwicklung rund ums Thema PLEVs zusammen. 

Am 27. Februar 2019 twitterte das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, kurz BVI, folgende Zeilen: „Neuigkeiten für alle #PLEV – Fans! Die Verordnung für Geräte mit Lenk- und Haltestange ist in der Schlussphase. Gestern haben wir die Verordnung der #EU-Kommission zur Notifizierung zugeleitet.“ Und: „Die Ausnahmeverordnung für Geräte ohne Lenk-/Haltestange wird gleichzeitig auf den Weg gebracht. So werden #Hoverboards etc. im 1. Halbjahr 2019 gefahren werden können. Die Ausnahmeverordnung ist nicht zustimmungspflichtig im #Bundesrat, dadurch ist das Verfahren recht schnell.“

Kurz zur Erklärung: Die Abkürzung „PLEV“ steht für Personal Light Electric Vehicle, zu Deutsch: Elektrokleinstfahrzeug. Gemeint sind damit vorwiegend E-Scooter, also Tretroller mit Elektroantrieb – aktuell gefühlt der letzte Schrei im Bereich der (Mikro-)Mobilität. In diesem Beitrag von Oktober 2018 haben wir die E-Scooter im Sharing-Angebot von Bird, Lime und Jump bereits kurz beleuchtet. Das Problem: Während PLEVs oder EKFs entlang der Westküste der USA und auch in einigen europäischen Metropolen wie Paris oder Brüssel fast schon zum Stadtbild gehören, sind sie in Deutschland noch nicht für den öffentlichen Verkehr zugelassen. Doch die Tweets des BMVI lassen vermuten, dass E-Scooter und artverwandte Vehikel nun schon bald, spätestens aber im Sommer legal auch durch deutsche Städte rollen dürfen.

PLEVs nun doch ohne Führerschein

Kaufen kann man die teils sehr abgedrehten Gefährte auch in Deutschland schon länger. Betrieben werden dürfen sie bislang aber nur auf Privatgrund in nicht öffentlichem Terrain. Lange war man sich im Bundesverkehrsministerium nicht einig, welche PLEVs man unter welchen Bedingungen erlauben möchte. Die „Verordnung zur Änderung straßenverkehrsrechtlicher Vorschriften“ wurde in den letzten Wochen und Monaten mehrfach umgeschrieben. Der eingereichte Entwurf vom 26.02.2019 kann hier heruntergeladen werden. Kleine Randnotiz: Während die E-Tretroller in Österreich einfach mit Pedelecs gleichgestellt wurden, braucht es in Deutschland einen 50-seitigen Regulierungsentwurf!

Freigegeben ab 12 Jahren: In Deutschland sollen die langsameren PLEVs (max. 12 km/h) ausschließlich auf Gehwegen fahren. Foto: © Brett Sayles from Pexels

Die wichtigsten Änderungen vorweg: Einen Mofa-Führerschein, wie bis vor Kurzem noch vorgesehen, wird man zum Fahren der EKFs nun doch nicht benötigen. Zudem besteht keine Helmpflicht. E-Scooter mit Lenk- oder Haltestange und einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h sollen auf dem Radweg fahren. Ist ein solcher nicht vorhanden, dürfen sie auf die Straße ausweichen. Wer gegen die Vorschriften verstößt und erwischt wird, erhält eine Anzeige wegen einer Ordnungswidrigkeit mit optionalem Bußgeld und einem Eintrag im Verkehrszentralregister. Unumgänglich ist eine Versicherung, die durch eine entsprechende Plakette am Fahrzeug nachgewiesen wird. Wer ohne unterwegs ist, riskiert eine Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Pflichtversicherungsgesetz.

Mit Scooter und Co. auf dem Bürgersteig

Für viel Zündstoff sorgt das Vorhaben, dass bereits 12-Jährige die Roller nutzen dürfen und diese ausschließlich auf Gehwegen fahren sollen, sofern die Geräte eine Höchstgeschwindigkeit von 6 bis 12 km/h aufweisen. Darüber hinaus sieht es so aus, als ob in einem parallelen Verfahren auch Vehikel ohne Lenk- und Haltestange per Sondergenehmigung zugelassen werden sollen. Dazu zählen beispielsweise Hoverboards, Monowheels, Onewheels und elektrisch angetriebene Skate- bzw. Longboards. Auch diese Fahrzeugvarianten könnten gegebenenfalls für das Fahren auf Gehwegen freigegeben werden, was aktuell Fußgänger- und Sozialverbände auf die Barrikaden treibt. Ferner könnte diese Freigabe sogar gegen das Grundgesetz verstoßen, da Fußgänger hierdurch zusätzlichen Gefahren ausgesetzt werden. (Quelle)

Foto zweier PLEVs der Hersteller Egret und Xiaomi
Fehlende ABE: Ältere PLEVs wie diese beiden E-Scooter von Xiaomi und Egret dürfen auch nach In­kraft­tre­ten der EKF-Verordnung nicht auf öffentlichen Wegen fahren. Foto: © Choice GmbH

Hinzu kommt, dass die PLEV-Verordnung für alle „Early Adopter“ eine herbe Enttäuschung sein dürfe. Denn die Zulassung bereits gekaufter Elektroroller ist nicht vorgesehen, da diese keine allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) besitzen. Wer sich also schon ein EKF gekauft hat, muss damit rechnen, dieses auch zukünftig nicht legal auf öffentlichen Wegen betreiben zu dürfen. Um deine Zulassung zu erhalten, müssten Hersteller für ihre älteren Modelle nachträglich eine ABE beantragen, was Kosten im sechsstelligen Bereich mit sich bringt. Unwahrscheinlich! Und kaum ein Besitzer dieser ohnehin nicht gerade günstigen Roller wird sich auch noch eine teure Einzelzulassung leisten wollen, die am Ende vielleicht sogar den Kaufpreis weit übersteigt. Die Alternative? Wegschmeißen und neu kaufen? Nachhaltigkeit geht anders.

Startschuss für PLEVs in „Bambärch“?

Dadurch, dass bereits mehrere Sharing-Dienste aufgrund der bevorstehenden Zulassung mit den Hufen scharren, dürfte sich diese neue Mobilitätsform recht schnell auch in deutschen Großstädten verbreiten. Die oberfränkische Stadt Bamberg, die zur Metropolregion Nürnberg zählt, wird vermutlich als erste Stadt in Deutschland einen E-Scooter-Sharing-Service bieten. Dahinter steht der Marktführer Bird, der in einer Pilotphase zunächst 100 E-Scooter in der Stadt verteilen möchte. „Die Kommune sieht in Bird ein höchst innovatives Mobilitätsangebot, das Städten enormes Potenzial bietet, den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren“, heißt es auf der Homepage der Stadtwerke Bamberg. Und die Konkurrenz schläft nicht. Mit Lime, Tier Mobility, der Daimler-Tochter MyTaxi oder auch dem schwedischen Start-Up Voi stehen hierzulande zahlreiche weitere Sharing-Anbieter in den Startlöchern. (Quelle)

Ein Mann fährt auf einem PLEV, dem BMW X2City, über einen öffentlichen Platz
PLEV and the City: Der elektrische Kick-Scooter X2City von BMW Motorrad  erfüllt alle Anforderungen der bald in Kraft tretenden EKF-Verordnung. Foto: © BMW Group

Für Berufspendler, die täglich kurze Strecken überbrücken müssen, lohnt sich unter Umständen auch die Anschaffung eines eigenen PLEVs. Etwa für den Weg von Zuhause zur S-Bahn oder vom Park-and-Ride-Platz ins Büro.  Die Verordnung des BMVI sieht vor, dass die EKFs auch in öffentliche Verkehrsmittel mitgenommen werden dürfen. Hier sollte man allerdings noch etwas Geduld haben, denn viele aktuell erhältliche Modelle haben, wie bereits erwähnt, keine Straßenzulassung. Und werden diese vermutlich auch nicht nachträglich erhalten. Das Angebot der Geräte, die bereits die neuen Vorschriften erfüllen, ist noch sehr übersichtlich. Neben BMW hat auch der TV-Hersteller Metz ein solches PLEV im Angebot. Der BMW X2City (UVP 2.400 Euro) wie auch der Metz Moover (UVP 1.998 Euro) sind zwar zusammenfaltbare, aber dennoch vergleichsweise bullige Vehikel zum Premiumpreis.

Brüder im Geiste? Mit den großen Rädern und seinem breiten Trittbrett sieht der Moover von Metz dem BMW X2City sehr ähnlich. Foto: © Metz mecatech GmbH
Fehler aus anderen Ländern vermeiden

Entlang der Westküste der USA hat eine regelrechte Flut an E-Scootern in den Städten für reichlich negative Schlagzeilen gesorgt. Neben hohen Unfallzahlen mit Knochenbrüchen wurde auch immer wieder über Chaos auf den Gehwegen berichtet. Die im Free-Floating-Modell verliehenen, per App buchbaren Roller wurden oft falsch abgestellt und lagen vielerorts einfach im Weg herum. Die Stadt San Francisco verbannte die Sharing-Scooter daraufhin komplett aus der Stadt. Nach drei Monaten durften nur zwei Anbieter ihr Geschäft wieder aufnehmen – unter strengen Vorgaben. Anstatt also die PLEVs selbst zu (über-)regulieren, sollten Gesetzgeber und Kommunen im Vorfeld eher dafür sorgen, dass den E-Scootern nicht dasselbe Schicksal droht wie beispielsweise den Leihrädern von Obike. Diese wurden im vergangenen Jahr einfach zu Tausenden in deutsche Städte gestellt, landeten auf großen Haufen, in Flüssen, im Straßengraben oder auf Bäumen und sorgten allgemein für viel Ärger bei den Bewohnern.

Hinzu kommt der Kampf um den ohnehin schon öffentlichen Raum. Fußgänger fürchten um ihre Sicherheit auf dem Gehweg. Fahrradverbände möchten die oft spärlich ausgebauten Radwege ungern noch mit Tretrollern teilen. Und die Auto-Lobby wehrt sich gegen den Rückbau von Fahrbahnen und Parkplätzen für mehr Radwege und Fußgängerzonen. Dabei kann die Verkehrswende nur gelingen, wenn alle kompromissbereit sind. Und dann haben wir mit den PLEVs vielleicht bald ein neues, legales und spannendes Mobilitätsangebot, welches sich – die Vernunft der Benutzer vorausgesetzt – harmonisch ins Stadtbild einfügt und hoffentlich dazu beiträgt, den motorisierten Individualverkehr weiter zu reduzieren.

 

UPDATE – 15.03.2019

Wie weiter oben im Beitrag geschrieben, ist Bamberg nun tatsächlich die erste deutsche Stadt, in der die E-Scooter ganz offiziell und legal rollen dürfen – und zwar schon ab heute. Diese Sondergenehmigung des Straßenverkehrsamtes gilt allerdings nur für 15 Roller des US-Unternehmens Bird. Fahren dürfen allerdings auch nur volljährige Besitzer eines Führerscheins, die sich vorab beworben haben. Das Tragen eines Helms ist in der Testphase ebenfalls noch Pflicht. Sobald die neue PLEV-Verordnung in Kraft getreten ist, möchte die Stadt gemeinsam mit Bird das Angebot zum Pilotprojekt ausbauen und auf 100 Roller aufstocken. Dann dürfen alle Interessierten an die Lenkstange. (Quelle)

Titelbild: © Brett Sayles from Pexels

Beitrag teilen
Noch keine Kommentare vorhanden.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich stimme zu.