Autonome Autos: Verklemmte Fantasien der deutschen Industrie

Titelbild Autonome Autos: Timelapse-Aufnahme aus dem Cockpit eines Autos, der Fahrer hat nur eine Hand am Lenkrad, draußen ziehen Neonlichter vorbei
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Was haben die ersten motorisierten Kutschenwagen und autonome Fahrzeuge von deutschen Automobilkonzernen gemeinsam? Mobilitätsforscher Prof. Dr. Andreas Knie über die Romantisierung des Autofahrens, veraltete Leitbilder und verpasste Chancen.

Neue Dinge fallen nicht einfach als fertige Produkte vom Himmel. Sie werden von Menschen gemacht, die sich dabei von Bildern leiten lassen. Als Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Verbrennungsmotoren diensttauglich waren, montierten die Mechaniker den neuen Antrieb vorne in die Kutsche. Der neue Motor ersetzte einfach das Pferd. Die Kutsche blieb das Leitbild, eben jetzt nur mit einem neuen Benzinantrieb. Was einige Jahre so herumfuhr, war tatsächlich nichts anderes als Kutschen ohne Pferde.

Nutzer definieren den technischen Fortschritt

Erst als der österreich-ungarische Geschäftsmann Emil Jellinek Wettfahrten und Wettrennen als die neue Nutzungsart dieser Kutschen erkannte, änderte sich Grundlegendes. Er begann damit, den Konstrukteuren systematische Hinweise auf grundlegende Veränderungen zu diktieren. Die Kutschen erhielten einen viel tiefer gelegenen Schwerpunkt und vier gleichgroße Räder. Es kam so etwas heraus wie das, was wir heute Auto nennen. Emil Jellinek ist daher der eigentliche Erfinder des Automobils, weil er sich aus der vorherrschenden Konstruktionstraditionen befreien konnte. Ganz nebenbei erwähnt taufte er das Gefährt auf den Namen seiner Tochter: Mercedes.

Das Gleiche erleben wir gerade dieser Tage mit den sogenannten „autonomen Autos“. Bei der Entwicklung bleibt man gerade hierzulande in den vorgestanzten Bildern gefangen. Gut, die Automobilbauer treiben den Automatisierungsgrad tatsächlich immer weiter voran. Erst der Tempomat, dann die Spursicherung, aktuell das automatische Einparken. Und bald kann man auf der Autobahn sogar das Lenkrad ganz loslassen, um sich E-Mails oder anderen Diensten zu widmen.

Sprichwörtlich festgefahren

Es wird dabei allerdings ein hoher Aufwand getrieben, um das bekannte Bild des privaten Automobils weiter zu optimieren. Der Vater sitzt vorne, lenkt zunächst. Daneben die Mutter, hinten die Kinder. Dann auf der Autobahn angekommen, verschwindet das Lenkrad wie durch Zauberhand und der Vater kann nun in Ruhe mit den Kleinen spielen. Kurz vor der Autobahnausfahrt tritt das Lenkrad wieder in Erscheinung, der Vater übernimmt die Kontrolle von der Maschine und fährt dann ganz konventionell durch den Stadtverkehr zum Ziel.

Das ist das Bild, nach dem deutsche Autobauer die Automatisierung vorantreiben. Glauben Sie nicht? Genau diese „Vision“ ist als kleines Filmchen im Foyer des Bundesverkehrsministeriums zu bestaunen. Wunderbar – möchte man meinen. Was ist daran falsch? Nun, abgesehen davon, dass eine solche Familienkonstellation, die früher tatsächlich einmal die Norm darstellten, heute nur noch eine unter vielen anderen Formen des Zusammenlebens ist, bleibt der Gedanke der privaten Rennreiselimousine auch bei völlig veränderten technischen Optionen weiter präsent und leitend. Ähnlich wie die Konstrukteure Endes des 19. Jahrhundert sich den neuen Verbrennungsmotor nur als Kutschenantrieb vorstellen konnten, sind ihre Kollegen heute ebenfalls dem klassischen privaten Automobil verhaftet.

Menschen wollen die Verkehrswende

Das gewählte Szenario kann durchaus ein Anwendungsbeispiel sein, aber eben auch nur eines unter vielen. Jedoch werden hierbei weder die Möglichkeiten noch die tatsächlich veränderten objektiven und subjektiven Bedingungen zukünftiger Mobilität tangiert. Nicht einmal ansatzweise! Mit dem Internet in der Hosentasche ist für Stadtbewohner bereits jetzt der schnelle und flexible Zugang zu Verkehrsmitteln das Maß der Dinge. Getreu dem Motto: „Ich will jetzt genau das für mich passende Gefährt.“ Das kann der Tretroller sein, das herkömmliche Fahrrad, das E-Bike, die Limousine zum Selbststeuern oder eben das mit anderen geteilte Pooling-Fahrzeug. Später am Tag ist es vielleicht dann der Transport von schwerer Ware, daraufhin ein schneller Ritt zum Bahnhof.

Der Punkt-zu-Punkt-Verkehr mit immer ein und demselben Fahrzeug ist für die Menschen in Großstädten bereits heute mehrheitlich keine Option mehr. Hinzu kommt, dass aus Sicht der Städte die Mengen der Autos dringend reduziert werden müssen, um Platz für mehr Grün und alternative Verkehrsmittel zu schaffen. Ein Fahrzeug, welches zu mehr als 90 Prozent seiner Zeit herumsteht und, wenn es dann mal fährt, im Schnitt nur mit 1,01 Menschen besetzt ist, ist auch mit elektrischem Motor und automatischem Bedienmodus einfach nicht mehr sinnvoll!

Optimierte Mobilität per Tastendruck

Mit dem Smartphone und seinen technischen Möglichkeiten könnte man jetzt tatsächlich den Sprung von der Automatisierung der Fahrzeuge zu autonomen Fahrzeugflotten schaffen. Autonome Autos entziehen sich aber der Steuerung durch den Fahrer und sind daher für die deutsche Autoindustrie passé. Denn diese hantiert immer noch nach der Devise: „Ich fahre, also bin ich.“  Es scheint geradezu undenkbar, die Steuerung ganzer Flotten an eine „höhere Macht“ zu delegieren. An ein System sich selbst optimierender Flotten, die dort verfügbar sind, wo sie gebraucht werden und die es erlauben, die Zahl der Fahrzeuge drastisch zu senken. Der Nutzer drückt lediglich auf einen Knopf, das passende Fahrzeug kommt, fährt und verschwindet danach wieder. Je nach Preislage kann das ganz exklusiv, besonders schnell oder eben im Pooling-Verfahren geschehen. Alles nur Zukunftsmusik? Mitnichten!

An vielen Ecken Deutschlands entstehen gerade neue Quartiere – vielerorts aber immer noch auf Basis der „Reichsgaragenordnung“ von 1939. Diese besagt: Pro Wohneinheit muss ein Fahrzeugstellplatz vorhanden sein. Diese rückständige Verordnung könnte man sofort ändern und Quartiere so planen, dass spezielle Fahrspuren mit autonomen Systemen hocheffizient betrieben werden könnten. Ersatzweise könnte bereits jetzt im ländlichen Raum experimentiert werden. Dort, wo die Zahl der Autos pro 1.000 Einwohner die Tausendermarke zu überspringen droht und der Bus nur noch gelegentlich oder gar nicht mehr fährt, ist so mancher Bürgermeister mittlerweile zu allem bereit. Da werden Fahrstreifen reserviert, Parkplätze reduziert und Ampelanlagen auf Vorfahrt für neue autonome Shuttles gestellt.

Auf ewig dem Trend hinterher

Das Problem: Es ist angerichtet, aber keiner greift zu! Die Autoindustrie bleibt in alten Bildern verhangen und der öffentliche Personennahverkehr tut sich schwer, über die Bereitstellung von Linienbusverkehren hinaus neue Dinge zu wagen. Hier ist weder finanzielle Power noch der nötige Pioniergeist vorhanden. Es scheint so, als ob wir bei allen digitalen Themen – egal ob Internet, Smartphone oder Suchmaschine – wieder einmal auf die Unternehmen aus dem Silicon Valley warten müssen.

Hinweis: Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus einem Gutachten, das Choice im Auftrag der Grünen in Hamburg erstellt hat. Das vollständige Gutachten erscheint im Herbst 2019 im oekom Verlag.

Titelbild: © Samuele Errico Piccarini, Unsplash

 

Über Andreas Knie:
Der Berliner Mobilitätsforscher und Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Knie ist als Head of Scientific Development in beratender Funktion für Choice tätig. Knie lehrt an der TU Berlin und arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Zudem war er 15 Jahre bei der Deutschen Bahn AG tätig und hat dort unter anderem DB Carsharing und Call a Bike eingeführt. Er ist Gründer des mittlerweile stillgelegten Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ GmbH) und war bis Juni 2018 dessen Geschäftsführer. Er ist Mitautor von kürzlich erschienenen Büchern wie „Taumelnden Giganten“ und „Erloschene Liebe? Das Auto in der Verkehrswende“.

Andreas Knie - Das Auto ist politisch

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