E-Scooter 2019: Top oder Flop? Eine Bilanz

Frau mit Helm fährt auf einem E-Scooter von Tier Mobility vor einer Häuserfront entlang
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Nach langem Hin-und-her der Politik sind sie seit dem Sommer 2019 auch in deutschen Städten anzutreffen: die E-Scooter verschiedener Sharing-Dienste wie Lime, Bird oder Voi. Kurz vor Jahresende wird es Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Haben sie sich als Mobilitätsergänzung im Sinne einer urbanen Verkehrswende etabliert? Wie läuft das Geschäft für die Anbieter? Und wie ist die Resonanz in der Bevölkerung? Wir scannen aktuelle Meldungen und Entwicklungen.

Eines ist seit ihrer Einführung klar: E-Scooter spalten die Gesellschaft wie kaum ein anderes Verkehrsmittel. „Spielzeug für faule Fußgänger“ sagen die einen, „sinnvolles Last-Mile-Vehikel“ die anderen. Fernab hitziger, oft emotional geprägter Debatten lohnt sich ein kühler Blick auf die Zahlen der Anbieter. Das Eigenforschungsprojekt der Firma civity Management Consultants hat hierfür die Softwareschnittstellen diverser Anbieter angezapft und die von Mitte August bis Ende September gesammelten Daten analysiert und ausgewertet. Auf dieser Landingpage präsentiert civity die umfangreichen Ergebnisse.

In deutschen Metropolen und mittlerweile auch mehreren mittelgroßen Städten sind mit Bird, Circ, Jump, Lime, Tier und Voi sechs große Sharing-Anbieter vertreten.¹ Wie die Auswertung von civity zeigt, hat der US-amerikanische Fahrrad- und E-Rollervermieter Lime (ehemals LimeBike) die bislang größten Flotten in ausgewählte Städte gestellt. In Berlin sind es zum Beispiel weit über 6.000 Scooter. Zum Vergleich: Tier und VOI haben in der Hauptstadt jeweils nur etwas über 2.000 Geräte ausgerollt. Stellt sich die Frage, von wem und für welche Wege das neue Angebot genutzt wird. Helfen E-Scooter wirklich dabei, die Anzahl der Autos in den Städten zu reduzieren?

Touristen + E-Scooter = ❤?

Bei der Aufarbeitung der Berliner Daten konnte civity eine hohe Nachfrage in der östlichen Innenstadt, speziell im Bereich Friedrichstraße und Unter den Linden, feststellen. Da dies touristisch stark frequentierte Gebiete sind, lässt sich dabei auch auf eine verstärkte Nutzung durch Gäste von auswärts schließen. Dass die Roller zur Überbrückung der letzten Meile in den Wohngebieten genutzt werden, konnten die Datenspezialisten indes nur bedingt herauslesen. Ähnliches in der Hansestadt Hamburg: Da die Roller hier überwiegend in den späteren Tagesstunden und am WE ausgeliehen werden, könnte man ebenfalls eine vorwiegend freizeitliche bzw. touristische Nutzung vermuten.

Zwei Männer fahren auf E-Scootern eines Sharing-Anbieters die Straße entlang
Bisherige Zahlen deuten darauf hin, dass die Sharing-E-Scooter überwiegend in der Freizeit und von Touristen genutzt werden. Foto: © Marek Rucinski, Unsplash

Eine weitere wichtige Erkenntnis der Analyse von civity: Die Auslastung der Scooter-Flotten ist von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. In Berlin beispielsweise scheint der Markt mit nur 2,97 Bewegungen pro Tag und E-Scooter bereits übersättigt zu sein. Spitzenreiter zum Zeitpunkt der Datenauswertung war Ingolstadt mit 5 Bewegungen. Die Frankenmetropole Nürnberg, in der die Choice GmbH ihren Stammsitz hat, kommt auf bemerkenswerte 4,6 Bewegungen am Tag.

Auf den Hype folgt Konsolidierung

Laut civity konkurrierten E-Scooter hauptsächlich mit dem Fahrrad und dem Fußverkehr, was sich beispielsweise auch am Rückgang der Nutzungszahlen der Hamburger StadtRAD-Leihräder ablesen lässt (nahverkehrhamburg.de). Für den ÖPNV sieht civity in den Rollern aktuell weder eine Gefahr noch einen Vorteil. Im intermodalen Gesamtangebot könnten sie aber durchaus eine Alternative zum Privatauto darstellen. Zahlenmäßige Belege gibt es dafür aber bislang nicht.

civity erwartet bereits innerhalb des ersten Jahres eine Konsolidierung der Anbieter sowie eine Reduktion der Operationsgebiete auf die ertragreicheren Innenstädte. Konkretes Beispiel: Circ scheint kurz vor einer Fusion mit Voi zu stehen. Dies berichtet zumindest Internet-Investor Sven Schmidt im Podcast „Startup-Inser #58“ von deutsche-startups.de. Schmidt spricht darin mit ds-Chefredakteur Alexander Hüsing nicht nur über den möglichen Zusammenschluss, sondern auch über  skeptische Kapitalgeber und die begrenzte Kapazität des deutschen Scooter-Sharing-Marktes. Dieser könne dauerhaft nur drei bis vier Anbieter vertragen.

Weiterhin großes Potenzial

Trotz der vorherrschenden Skepsis pumpen einige Investoren weiterhin sehr viel Geld in den noch jungen, hart umkämpften Markt. Wie das Nachrichtenmagazin t3n berichtet, hat Voi laut eines Berichts von CNBC gerade weitere 85 Millionen US-Dollar erhalten. Dies sei bereits die zweite Finanzierungsrunde im Jahr 2019 für das schwedische Startup. Bereits im März konnte sich Voi rund 30 Millionen US-Dollar sichern. Anfang Oktober gab es außerdem 55 Mio. Euro für Tier Mobility aus Berlin (gruenderszene.de) sowie stolze 275 Mio. US-Dollar für das amerikanische Unternehmen Bird (forbes.com).

Mann im Anzug mit Helm auf einem E-Scooter von Voi
Mit neuen Geldern möchte das schwedische Unternehmen Voi nicht nur weiter expandieren, sondern auch robustere Rollermodelle entwickeln. Foto: © Voi Technology

Bei Voi soll die neue Finanzspritze nicht nur in die weitere Marktdurchdringung, sondern auch in die Entwicklung langlebigerer E-Scooter gesteckt werden. Aktuell am Markt befindliche Modelle hielten dem harten Sharing-Alltag maximal drei Monate stand, würden aber laut Schätzungen des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group erst nach vier Monaten in die Profitabilität übergehen.

Ein saisonales Geschäftsmodell?

Der Winter steht vor der Tür, in einigen Teilen Deutschlands gab es bereits erste Schneeflocken. Was passiert mit den E-Scootern bei frostigen Temperaturen und vereisten Straßen? Wie Zeit Online berichtet, bleiben die neuen, robusteren Modelle vom Voi und Tier durchgängig im Einsatz. Sie seien laut der Anbieter für den Betrieb auf rutschigem Untergrund gerüstet. Auch Circ wolle sich über den Winter nicht zurückziehen, behalte sich aber vor, die Geräte bei Eis und Schnee temporär einzusammeln. (Zeit.de)

Zwei Personen fahren auf E-Scootern der Firma Lime auf einem Weg um einen See
Kooperation: Die “Lime-S” genannten Scooter von Lime werden auch in der App von Uber angezeigt und sind darüber buchbar. Foto: © LimeBike Germany

Ganz ähnliche Pläne habe auch Lime. Der Verleiher möchte die E-Roller seinen Kunden angeblich auch in den Wintermonaten zur Verfügung stellen und zudem als erster Anbieter in Deutschland die 5-Mio.-Fahrten-Marke knacken. Bei extremen Wetterbedingungen sollen Kunden in der App allerdings benachrichtigt werden, dass die Geräte im betroffenen Gebiet vorübergehend für den Verleih gesperrt sind. (turi2.de)

Gekommen, um zu bleiben

Dass die elektrischen Tretroller bereits nach einer Saison wieder aus deutschen Städten verschwinden, ist unwahrscheinlich. Denn im Vergleich zu Carsharing-Diensten lässt sich mit den E-Scootern mehr Geld verdienen. Der Anschaffungspreis eines E-Scooters ist deutlich niedriger, die Leihgebühr pro Minute für den Nutzer liegt jedoch nur knapp unter, teils sogar über den Carsharing-Preisen. Somit ist der Umsatz pro Kilometer im Vergleich relativ hoch, rechnen Analysten. (Zeit.de)

Für das Jahr 2020 wird es in einigen Städten auch Änderungen an den Nutzungsbedingungen der E-Scooter geben. Düsseldorf beispielsweise hat laut RP Online einen Regelentwurf erstellt, der vorsieht, ab Januar zahlreiche Parkverbotszonen, strengere Abstellvorschriften und eine Gebühr von 20 Euro pro Gerät und Jahr für die Anbieter einzuführen. Zudem müssten die Verleiher defekte oder illegal geparkte Scooter binnen zwölf Stunden einsammeln. Der Düsseldorfer Verkehrsausschuss muss allerdings noch über die Umsetzung der neuen Vorschriften entscheiden.

Akku wechsle dich!

Um die Wirtschaftlichkeit und Umweltbilanz der E-Scooter weiter zu verbessern, wollen Tier und Circ außerdem zukünftig auf eine neue Gerätegeneration mit Wechsel-Akku setzen (t3n.de und t3n.de). Die Roller werden dann nicht mehr über Nacht per Lieferwagen zum Laden eingesammelt und wieder verteilt, sondern einfach vor Ort mit einem frischen Energiespeicher versorgt. Bis Jahresende soll die gesamte deutsche Flotte von Tier auf das neue Modell umgestellt werden (electrive.net). Wir gehen davon aus, dass die anderen Anbieter hier recht schnell nachziehen werden.²

Ein Mitarbeiter von Tier Mobility tauscht den Akku eines E-Scooters vor Ort aus.
“Battery Swapper”: Ein Mitarbeiter von Tier tauscht bei der neuen E-Scooter-Generation den Akku vor Ort aus. Das tägliche Einsammeln der Roller entfällt. Foto: © Tier Mobility

Tier möchte für den Akkutausch vermehrt E-Lastenräder und Elektro-Transporter einsetzen, was die Umweltbilanz weiter verbessert. Für das Jahr 2020 haben sich die Berliner zum Ziel gesetzt, klimaneutral zu operieren. Lobenswert: Die ausgemusterten Modelle mit fest verbautem Akku werden nicht einfach entsorgt, sondern generalüberholt und über die eigene Website  zum Verkauf angeboten. Im Kaufpreis von 699 Euro inbegriffen sind eine Haftpflichtversicherung bis Februar 2021, ein Helm, ein Supercharger sowie 12 Monate Gewährleistung.

Stimmungsbarometer

Kommen wir abschließend zur wichtigsten Frage: Was halten die Deutschen nach einem knappen halben Jahr E-Scooter vom neuen Mobilitätsangebot? Der Digitalverband Bitkom e.V. schreibt dazu „Am E-Scooter scheiden sich die Geister“ und bezieht sich auf eine Befragung von 1.000 Bundesbürgern zum Thema Elektroroller. Kurzum: Vier von 10 Befragten sehen in den Elektro-Rollern einen sinnvollen Beitrag zum Klimaschutz, genauso viele sehen darin aber auch eine zusätzliche Gefährdung im Straßenverkehr und plädieren für ein Verbot. Verglichen mit den Umfragewerten aus dem Vorjahr ist die Skepsis gegenüber dem neuen Mobilitätsangebot seit seiner Einführung sogar leicht gestiegen.

Statistik mit den Ergebnissen der Bitkom-Umfrage zum Thema E-Scooter
Verzicht auf den Pkw: Bei jüngeren Menschen ist die Akzeptanz des neuen Mobilitätsangebots deutlich größer als bei den Ü-30-Generationen. Grafik: © Bitkom e.V.

Die aktuelle Umfrage zeigt aber auch, dass jüngere Menschen (16 bis 29 Jahre) dem E-Scooter deutlich aufgeschlossener gegenüberstehen als ältere Generationen und auch bereit wären, dafür aufs Auto zu verzichten.  Bitkom-Präsident Achim Berg sagt dazu: „[…] Hier tut sich ein neues Konfliktfeld zwischen den Generationen auf, und dieses Konfliktfeld braucht unsere Aufmerksamkeit.“ Weiterhin betont auch Berg, dass die Mobilität von morgen nicht durchs Lenkrad, sondern das Smartphone bestimmt wird. „E-Scooter können ein Baustein dieser neuen Mobilität sein. Natürlich müssen wir dafür Bedingungen und Regeln schaffen, die die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer garantieren. Wichtig sind klare Regeln, die insbesondere schwache Verkehrsteilnehmer schützen. Und ebenso wichtig ist gegenseitige Rücksichtnahme.“

Dem haben wir nichts hinzuzufügen!

 

¹ Update – 14.11.2019

Kurz nach Veröffentlichung unseres Artikels wurde bekannt, dass mit dem niederländischen Unternehmen Dott ein weiterer Sharing-Anbieter in den deutschen E-Scooter-Markt einsteigt. Der Verleihdienst aus Amsterdam hat München als erstes Operationsgebiet auserkoren. Die Roller von Dott sind ab sofort innerhalb des Altstadtrings und im Zentrum verfügbar. Die Größe der ausgerollten Flotte wurde bislang nicht kommuniziert. Dott ist bereits in Brüssel, Paris, Lyon und Mailand vertreten und arbeite nach eigenen Angaben eng mit den örtlichen Stadtverwaltungen zusammen. Zudem setze man auf besonders stabile Fahrzeuge und ausschließlich festangestelltes Personal. (electrive.net)

² Update – 15.11.2019

Wie electrive.net berichtet, fordert der Bundesrat in einer Entschließung vom 08. November das Verbot von “Einweg-E-Scootern” ohne Wechselakku. Jetzt ist es an der Bundesregierung, die Empfehlung zu prüfen und gegebenenfalls eine Änderung der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung umzusetzen. Sollte es dazu kommen, erhielten nur noch jene Rollermodelle eine Allgemeine Betriebserlaubnis, deren Akku austauschbar ist. Im Gespräch ist außerdem ein verpflichtendes Pfandsystem Antriebsbatterien.

 

Titelbild: © Tier Mobility

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